Gemeinsam gegen Magersucht - Charité setzt auf Familien-Basierte Therapie

Anorexie

Anorexia nervosa (AN), auch Magersucht genannt, ist eine schwere psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeit unter psychischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. 

Oft benötigen Betroffene mehrere Monate Klinikaufenthalt, um wieder gesund zu werden - nicht selten unter Ausschluss der Eltern. Das soziale Umfeld, Schulbesuch und Freizeitaktivitäten werden dadurch stark beeinträchtigt. Bei etwa einem Drittel der erkrankten Patient*innen kommt es zu Rückfällen und chronischen Verläufen. 


FBT - „Family-Based Treatment“ 

FBT (Family-Based Treatment) ist ein evidenzbasierter Therapieansatz, der in den Behandlungsleitlinien der angelsächsischen Länder (USA, Kanada, England, Australien und Neuseeland) als wirksame Therapieform bei Jugendlichen mit Essstörung fest verankert ist. Vor allem für Jugendliche mit Anorexie gilt sie als Behandlung der ersten Wahl. Entwickelt wurde er maßgeblich von Prof. Daniel Le Grange und Kolleg*innen (siehe Literaturverzeichnis). 
Studien in diesen Ländern haben gezeigt, dass FBT dazu beiträgt, die Dauer der Klinikaufenthalte zu verkürzen und die Rückfallquote zu senken.

Seit über 30 Jahren wird dieser Ansatz weltweit erfolgreich bei Essstörungen eingesetzt. In England, den USA und Australien konnte die Wirksamkeit der FBT in groß angelegten Studien belegt werden. In anderen Ländern ist diese Therapieform erprobt und wissenschaftlich belegt, in Deutschland ist sie noch neu.

Ein Vorteil der FBT ist - erkrankte Personen können in ihrem gewohnten Umfeld gesund werden.
Das zentrale Prinzip: Die Familie – insbesondere die Eltern – wird aktiv in die Behandlung einbezogen, um das Kind beim Gesundwerden zu unterstützen. Dabei werden Eltern von FBT-Therapeutinnen geschult und befähigt, ihrem Kind helfen zu können, wieder ein gesundes Normalgewicht zu erlangen, dieses zu halten und nachhaltig gesunde Essgewohnheiten zu entwickeln. Für eine wirkungsvolle Umsetzung braucht es ein abgestimmtes Zusammenspiel verschiedener Fachpersonen: FBT-Therapeutinnen, medizinisches Personal und – je nach Bedarf – zusätzliche Expertinnen wie eine Psychiaterin. So entsteht ein ambulantes, aber engmaschiges Setting, das die Familie kompetent unterstützt.  


FBT verläuft in drei Phasen:

  1. Phase I: Die Eltern übernehmen Verantwortung für die Ernährung und Gewichtszunahme ihres Kindes.
  2. Phase II: Die Verantwortung wird schrittweise an das Kind zurückgegeben.
  3. Phase III: Fokus auf Autonomie, Identitätsentwicklung und Rückfallprophylaxe 


Studien zeigen, dass FBT bei Jugendlichen mit Anorexie ähnlich wirksam sein kann wie stationäre Therapien – mit dem Vorteil, dass die Jugendlichen im vertrauten Umfeld bleiben können. In Deutschland wird FBT bislang noch selten angewendet, doch eine explorative Pilotstudie an der Charité in Berlin zeigt vielversprechende Ergebnisse (Pilotstudie Charité, 2023). 

Grundsätze der Familienbasierten Therapie

FBT family based treatment

Eltern als Schlüssel zur Heilung

Eltern sind nicht das Problem, sondern wichtiger Teil der Lösung. Sie sind die größte Ressource beim Kampf gegen die Essstörung, denn niemand sonst kennt die betroffene Person so gut wie sie und hat dieselbe Liebe, Ausdauer und Kraft für das erkrankte Kind. 


Gewicht wieder herstellen

Gewicht wiederherstellen

Zu Beginn der Therapie steht die Gewichtszunahme im Fokus. Hierbei soll das historisch gesunde Gewicht, dass das Kind vor der Erkrankung hatte, wieder erreicht werden. Mit steigendem Gewicht geht bei den meisten Jugendlichen eine deutliche Verbesserung der psychischen Verfassung und der Stimmung einher. 

familienbasierte Therapie

Genesung im bekannten Umfeld

FBT findet im gewohnten Lebensumfeld der Jugendlichen statt und stärkt die Selbstwirksamkeit der Familie. Stationäre Aufenthalte und lange Trennungsphasen sollen möglichst verhindert oder so kurz wie möglich gestaltet werden. Die Therapie sollte dennoch unter ambulanter und medizinischer Aufsicht und mit therapeutischer Unterstützung der Eltern stattfinden. 

Externalisierung

Externalisierung

Ein zentrales Element der FBT ist die Trennung von Kind und Krankheit. Nicht das Kind ist für die Erkrankung verantwortlich, sondern die Krankheit kontrolliert das Kind. Die Einnahme dieser Perspektive hilft vielen Eltern mit der Situation besser umgehen zu können.  Diese Haltung stärkt außerdem die Allianz zwischen Eltern und Kind gegen die Krankheit. 


Verantwortung übernehmen

Autonomie

Für einen begrenzten Zeitraum  wird die Autonomie des erkrankten Jugendlichen bewusst eingeschränkt - die Eltern übernehmen die Verantwortung über die Ernährung und Bewegung. 
Suche nach möglichen Ursachen der Erkrankung oder Diskussionen über Kalorien, Nährwerte und Stoffwechsel sind nicht zielführend. Das Kind kann zu diesem Zeitpunkt nicht eigeneverantwortlich essen! Es benötigt dazu die liebevolle aber konsequente Hilfe der Eltern.

Team Ansatz

Eltern als Einheit

Eltern sollen lernen als geschlossene, unterstützende Einheit aufzutreten. Ein  gemeinsames, klares und liebevolles Handeln, gibt dem Kind Sicherheit und Orientierung. Uneinigkeit oder Schuldzuweisungen können die Wirksamkeit der Behandlung untergraben. Anorexie hat sogar die Macht, Beziehungen zu spalten. 


Die 3 Phasen der FBT

Bei der FBT wird die Behandlung in 3 Phasen eingeteilt

Phase 1- Wiederherstellung des Gewichts

  • Eltern übernehmen vorübergehend die Verantwortung für die Ernährung ihres Kindes 
  • vorrangiges Ziel: rasche Gewichtsnormalisierung, Verhinderung lebensbedrohlicher/körperlicher Folgen 
  • Eltern lernen ihr Kind liebevoll aber bestimmt beim Essen zu unterstützen
  • Die Essstörung wird externalisiert

Phase 2 – Rückgabe der Verantwortung 

  • Sobald das Gewicht stabil ist
  • Sobald der psychische Zustand der/s Patient*in und die Stimmung innerhalb der Familie signifikant verbessert sind
  • Schrittweise Übertragung der Verantwortung fürs Essen an das Kind/den Jugendlichen 
  • Familie bleibt unterstützend involviert

Phase 3 – Rückkehr zur altersgerechten Entwicklung 

  • Essstörung tritt in den Hintergrund 
  • Fokus auf psychosoziale Entwicklung: soziale Integration, Autonomie, Körperbild, Identität 
  • Ziel: eine stabile, nachhaltige Genesung im Alltag sowie eine gesunde Entwicklung


Eine Essstörung ist ein Marathon, kein Sprint.

Anorexie-Elternstaerken

Deshalb: 

Selbstfürsorge der Eltern wichtig

Während dieser belastenden und herausfordernden Zeit liegt ist Selbstfürsorge enorm wichtig. Es ist so wertvoll, sich Verschnaufpausen zu gönnen, Highlights zu setzen und zu versuchen, Hobbys weiter nachzugehen.


Was kannst du konkret tun?

 

Lasse Pausen zu: auch wenn sie kurz sind – ein Spaziergang, ein Gespräch mit Freunden, bewusst einen Kaffee oder Tee trinken, Durchatmen.

Suche dir Unterstützung: bei Freunden oder der Familie, Selbsthilfegruppen, anderen betroffenen Eltern, einer Vertrauensperson oder durch eine therapeutische Begleitung.

Entlaste dich von Perfektionsansprüchen: Es geht nicht darum, alles „richtig“ zu machen, sondern aktiv ins Handeln zu kommen.

Eltern sind auch Menschen mit eigenen Grenzen und Bedürfnissen

Interesse?

Vereinbare ein Erstgespräch und lerne mich näher kennen. 

Sehr gern kannst du dich auch mithilfe von Büchern, Websites und wissenschaftlicher Literatur über FBT informieren. Weiterführende Informationen dazu findest du hier